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art KARLSRUHE
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Werner Tammen

Unsere Künstler

Künstlerdetails

Kategorie: Gegenwartskunst

Stephanie Pech

Mobil und mobilisierend, fluktuierend und zugleich von prägnanter Aufmerksamkeit für die Welt des Sichtbaren ist auch die Malerei von Stephanie Pech. Sie überführt in einer eigenwilligen Volte die Gattung des Stilllebens in ein bewegliches, bewegendes Geschehen, in ein Vexierspiel, das eine bildnerische Situation nicht abschließt, sondern erst eröffnet. Das Paradox des stillgelegten Lebens, der Nature Morte, wird so erst eigentlich eingefangen. Im Sichtbaren tritt man ein in ein bewegtes und bewegliches Ereignis, das wie selbstverständlich diesseits und jenseits der Grenze des Bezeichnens tanzt, ohne auf eine Seite reduzierbar zu sein. In solchen Bildräumen können seltsame Dinge geschehen:  Eierstöcke explodieren, Frösche sitzen huckepack unter der Dusche, eine Krabbe thront skulptural in splendid isolation, Filetstückchen wirbeln umeinander. Es entstehen doppelbödige Traumwelten in gewagten Farbakkorden. Und die unterschiedlichen Bildebenen, die collageartigen subtilen Texturen werden zu Bildereignissen, in denen der Gegenstand und die Farbe, das Sujet und seine Stofflichkeit auf wundersame Weise miteinander agieren und kommunizieren. Meeresgetier, Pflanzen, Früchte, Blumen und allerlei Gegenstände des alltäglichen Gebrauchs betreten die Bilderbühne, handeln und verhandeln ein untergründiges Geschehen. Die fast verstörende, unheimliche Gegenständlichkeit der Szenerien, die Farbgebung in ihrer opulenten oder unterkühlten Koloristik sind getragen von einem Elan Vital, von Zärtlichkeit und unterschwelliger Angriffslust zugleich. Stephanie Pechs kalkulierte, exakt ausponderierten Kompositionen sind gebaut aus subtilen Betrachtungen, aus Beobachtungen, die doch über ihre Faktizität hinausweisen in unauslotbare Räume von Ambivalenzen und Korrespondenzen, so wie jedes Leben, das Gefühl des In-der-Welt-Seins aus ganz unterschiedlichen und unverträglichen Ingredienzen zusammengesetzt und sich selbst oft unbekannt ist.



Abstraktion und Gegenständlichkeit sind hier keine sich ausschließenden Gegensätze, die Grenzen des Entweder-Oder werden in der Malerei von Stephanie Pech souverän überschritten, die wiedererkennbaren, assoziativ besetzten Dinge und Wesen rücken heran, und bleiben doch rätselhaft. Nähe und Ferne verbinden sich. Doch anders als in den klassischen Stillleben, die oft das Seltene, Exotische neben ganz alltägliche Gegenstände stellen und so Vertrautes und Fremdes sich begegnen lassen, führt Stephanie Pechs Einsatz der banaler Wirklichkeitsdetails eher in ein Atmosphärisch-Offenes. Dazu trägt auch der Bildraum bei: kein identifizierbarer, sondern ein pulsierender Farbraum, in dem die zeichenhaften Dinge treiben. Aller mimetischen Finesse zum Trotz werden die Bildgegenstände so zu einer neuen, ungewohnten Bildwirklichkeit, wobei kühne Aufsichten, Schattenwürfe und Aus-und Anschnitte Spannung und Dramatik bestimmen. In der Gattung des Stilllebens, die Stephanie Pech auf beherzte Weise gegenwartstauglich macht, wird zugleich das immer vertrackte Verhältnis zwischen Kunst und Natur, zwischen Mimesis und Schöpfung reflektiert und offengelegt. Stephanie Pech entfaltet ein Inventar der bildnerischen Möglichkeiten, das nicht auf verordnete Ordnungen hereinfällt, sondern flexible, wandelbare Vorschläge des Zu-Sehen-Gebens bereithält, die dem Nebeneinander, dem Zugleich, der Simultaneität unterschiedlicher Perspektiven auf die Welt Raum geben. Solche Bilder richten sich auf die Sichtbarmachung einer Potentialität, auf das noch unbekannte Residuum anderer Möglichkeiten. Kunst lässt etwas noch nie Dagewesenes in Erscheinung treten. Bevor es das Kunstwerk gibt, gibt es keinen Inhalt, der „zum Ausdruck“ gebracht wird. Und so changieren die Bildräume zwischen Figur und reiner Farbe und ihrem Vermögen, das Energetische, Aleatorische, Auflösende, ein Spiel mit Nuancen erst zur Anschauung zu bringen. Zwischen lesbaren Sehdaten und ihrer Auflösung, zwischen Umriss und Flächen formt sich eine fragile Einheit, die nie erstarrt. Diese Malerei ist ein Ort, an dem sich die Verwandlungen, die Übersetzungen nicht einfach nur ereignen, eher scheint sie selbst im permanenten Wandel, in steter Metamorphose, die keinen Anfang und kein Ende kennt. Eine alte Geschichte, die immer noch von Zauber und Bannung, von Illusion und Realität, von Flüchtigkeit, Zeit und Ewigkeit handelt. Stephanie Pechs Malerei baut – ausgreifend und zurückgreifend - vielfältige, unauflösbare Beziehungen zwischen dem ‚Was’ und dem ‚Wie’ des Bildes auf, zwischen der unbestimmten Offenheit der Textur aus Farbformen und der in der Figuration sich kristallisierenden Bildlichkeit.



Jenseits des simplen Gegensatzes von Abstraktion und Figuration werden hier die Mittel der Malerei ausgeleuchtet – auch und gerade in der eigenwilligen Verbindung von Konzept und Flow. Im Spiel und Widerspiel der Gegensätze der traditionellen Bildmedien, im Zwischenreich zwischen Gegenstand und Auflösung setzen diese künstlerischen Erkundungen das haltlose Abenteuer der Wahrnehmung zwischen Nähe und Ferne ins Licht. Wie im Paradox balancieren die Arbeiten Reduktion und Fülle, Zerstreuung und Konzentration zu einer verdichtenden Reflexion. In der gleichsam ozeanischen Bilderwelt, im Auftauchen der Bilder wird die Beweglichkeit der Kunst von Stephanie Pech zu einer Form des sinnlichen, des wilden Denkens.

In der Malerei von Stephanie Pech berühren sich Reiz und Schauder. Im Ineinander der Gegensätze entwickeln, entwickelt sich die freie und befreiende Anschauung. Hier erwacht ein Möglichkeitssinn, der erst ein Anderes erspielen kann. So kann die Kunst Gegenbilder zur eindimensionalen Wirklichkeit bieten. Diese Malerei erzählt davon, wie sich der Mensch auf die Welt einlassen, wie er sie formen, wie er sie als berührbar und mobil erfahren kann: eine lustvolle Affiliation und ein Spiel mit Mesalliancen, mit Influence und Influenza. Trennung und Verbindung, Schnitt und Zusammenhang, Einfall und Zufall, Entschiedenheit und Freiheit sind in eigenwilliger, schwebender Ambivalenz.

Dorothée Bauerle-Willert

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Kategorie: One-Artist-Show

Harald Gnade

"Seine künstlerischen Arbeiten - er nennt sie "Parallelnaturen", können abstrakt oder konkret gelesen werden. Der Künstler bindet unsere Aufmerksamkeit damit , dass er  sie auf die Naturlandschaft, auf eine zeitgenössische Art der Landschaftsmalerei lenkt, die sich auch mit der abstrakten amorphen Einzelform beschäftigt. dabei nimmt er diverse kunsthistorische Bezüge auf und paraphrasiert sie. Caspar David friedrich gilt ihm erwartungsgemäß als Fixstern, dem er aber mit seiner eigenen Programmatik entgegentritt, nämlich dem Gegensatz und der Gleichzeitigkeit von Lackflächen (als dem Verschluss von Raumperspektiven) einerseits und offenen Raum-Illusionismen andererseits. Harald Gnades Arkadien liegt dort, wo er auf höchster formaler Ebene anlandet im Unbewussten, wo die unbewusst höchste Lust im Einsatz der Mittel dennoch Ort und Impuls nicht zur Deckung bringen kann" (zitiert nach Christoph Tannert)

Harald Gnade, 2014

Meine künstlerische Motivation stammt von intensiven Naturwahrnehmungen aus der Kindheit und frühen Jugend. Natur sind wir selbst und wir sind von ihr umgeben. Ich beobachte ihre Eigenschaften, Eigenschaften einer sich künstlerisch äußernden Natur, die mich malerisch fasziniert. Das Zusammenspiel und die Unvereinbarkeit unserer natürlichen Natur und der vom Menschen geschaffenen künstlichen Natur ist ein evolutionärer Prozess unterschiedlicher Stofflichkeiten, geprägt von Gemeinsamkeiten und Gegensätzen.
Vegetative Formen, Farbkörper oder idealisierte Landschaften entstehen in meinen Bildern sinnbildhaft, narrativ und topografisch. Unter variablen physikalischen Bedingungen wiederholen oder verändern sie ihre Formationen und wechseln ihre Position im Raum, auf der Leinwand. Mit der aktuellen Werkgruppe IMPLANT versuche ich anhand unterschiedlicher Bildvarianten eine Parallelwelt immer deutlicher darzustellen.

Natur ist nicht länger das, für was wir sie bisher hielten, denn nicht nur durch unsere optisch technischen Fähigkeiten können wir heute bisher unerkannte Einsichten in Aufbau und Struktur der so vielfältig ausgebildeten Materie haben und uns selbst und unsere umgebene Natur, Tier und Pflanze grundlegend neu verstehen lernen. Umgeben von natürlicher Natur mischt der Mensch seit Jahrtausenden seine künstlichen Artefakte in diesen gigantischen Organismus, den wir Erde nennen.
Ich stelle die Frage, was ist natürliche Natur und wann können wir von einem künstlichen Artefakt sprechen. Wie unterschiedlich ist ihre Materialität und wie kann ich mit einer abstrakten Bildsprache Gegensätze, Parallelität, Ähnlichkeit, Nachahmung oder Verwandlung unterschiedlicher Materie innerhalb eines Themas in einer narrativen Malerei bildhaft machen. Die natürliche Natur tritt in meinen Arbeiten in Form einer idealisierten Landschaft sowie als plastische Form auf. Form und Landschaft folgen hierbei in der Regel nicht unseren physikalischen Gesetzmäßigkeiten, sie bewegen sich frei im Raum, ändern ihre Gestalt in einem sich wiederum auch wandelnden Raum, sozusagen einem schwerelosen Garten der unabhängig von Gravitation funktioniert und sich vertikal, diagonal oder auch horizontal 180° kopfüber ausdehnen kann. Herausgelöst aus ihrem ursprünglich natürlichen Kontext, verwandelt und verpflanzt, fragmentarischen Formen aus Aluminiumfarbe, Netze aus Schrift gleichen Materials oder ganzen Hintergründen aus Aluminium, gegenüber gestellt, drängt sich das eine dazwischen oder stellt sich davor. Unterschiedliche Assoziationen von Natur und Künstlichkeit versuche ich zuerst bei mir und damit auch beim Betrachter auszulösen.

Im Duktus meiner Malerei, in der die Farbe eine große Rolle spielt, meint man oftmals etwas Fotografisches zu erkennen, hierbei geht es mir um eine Provokation der Fotografie.

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Kategorie: One-Artist-Show

Michael Lauterjung

Die täuschende Verführung

Michael Lauterjung entführt uns in die faszinierende Dingwelt der Stilllebenmalerei. Der berückende Reiz des Illusionismus kollidiert dabei mit der Tradition abstrakt informeller Kunst. Der realistisch gesehene Gegenstand ist bei Lauterjung immer nur ein Teil des Gemäldes; gleichwertig zu verstehen ist der als Hintergrund doch nur unzureichend bezeichnete mehr oder weniger abstrakt-informelle Teil.

Lauterjungs Ausbildung als Maler und seine frühe künstlerische Tätigkeit sind in diesem Zusammenhang anzuführen. Ausgebildet wurde er in den 1980er Jahren an der Akademie der bildenden Künste in Stuttgart: zunächst bei dem Bildhauer Karl Henning Seemann und dann, nach einem Jahr zur Malerei überwechselnd, bei Rudolf Haegele. Dem u.a. an Jean Dubuffet orientierten Haegele ging es um die Vermittlung der Bedeutung von Materialität, Fläche und Struktur. Bei der in den 1980er Jahren an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien lehrenden Maria Lassnig beendete Lauterjung mit einem einjährigen Gaststudium seine Ausbildung und ließ sich anschließend, 1987, in Köln nieder. Die damals entstandenen weitgehend abstrakten Arbeiten sind geprägt von der Suche nach kraftvoller flächenhafter Einfachheit. Die unterschiedlichen miteinander kombinierten Materialien Acryl, Lack, Öl und auch Kreide verwendet Lauterjung bis heute.

Unzufrieden mit der oberflächlichen Einteilung der Kunst in abstrakte und realistische Malerei begann Lauterjung Mitte der 1990er Jahre damit, beides miteinander zu verbinden. Am Anfang des Arbeitsprozesses steht dabei häufig eine mehr oder weniger quadratische Holztafel, die in mehreren Schichten mit verschiedenen Materialien zumeist in horizontalen Strukturen abstrakt gestaltet wird. Lauterjung malträtiert die auf dem Boden liegende Holztafel regelrecht. Unstimmiges kann dabei durchaus mit einer Flex auch wieder abgeschliffen werden. Es finden sich auch mit dem Schraubenzieher gezogene horizontale Einkerbungen. Erst nachdem so ein stimmiges, die ganze Bildfläche bedeckendes Strukturgebilde entstanden ist, entscheidet Lauterjung intuitiv, welcher Gegenstand hierzu formal oder farblich passen könnte. Dieser wird dann in Feinmalerei auf die nun nicht mehr auf dem Boden liegende, sondern in der Senkrechten sich befindende Holztafel aufgetragen. Spannungsvoll zeigt sich das Ergebnis des Perspektivwechsels dann auch im Gemälde, in der widerstreitenden sinnlichen Erfassung der Bildfläche: einerseits die materiell-undurchdringliche Bildoberfläche verstanden als Aufsicht, andererseits die illusionistische Negierung der Bildfläche verstanden als An- oder besser noch als Durchsicht. Als täuschende Verführung hebt sich der vertraut dreidimensional erscheinende Gegenstand vom abstrakten Grund ab, doch bereits nach kürzerer Betrachtung wird deutlich, dass vielfältige Entsprechungen den auffälligen Gegensatz überlagern. Die oft mehr oder weniger auf einer Linie aufgereihten Früchte korrespondieren mit der horizontalen Struktur des Grundes. Man könnte fast meinen, dass sie auf einer imaginären Horizontale durch das Bild kugeln, obwohl ihre Anordnung genau komponiert ist.

In den klassischen Stillleben des 17. Jahrhunderts war das Verhältnis von Figur und Grund eindeutig und unproblematisch. Nicht so bei Lauterjung, da es bei ihm keinen eindeutigen Umraum mehr gibt. In einigen Fällen scheinen die Gegenstände zu schweben, dann wieder scheinen sie auf einer nicht bestimmbaren Fläche aufzuliegen. Schatten und Spiegelungen sind oft angegeben, doch eine Klärung der Räumlichkeit ist damit nicht verbunden. Solche Irritationen sind Teil eines Konzepts, das den Betrachter wegführen soll von einem rein gegenständlichen Sehen.

Bereits im frühen 17. Jahrhundert finden sich – v.a. in Spanien – vereinzelt Stillleben, bei denen die Künstler einzelne Gegenstände ganz bewusst isolieren, um ihnen so eine fast magische Aura zu verleihen. Eine solche Magie der Dinge ist auch Lauterjung nicht fremd, wie die Gemälde mit den zentrierten Schalen zeigen. Die von Rudolf Arnheim nachdrücklich beschriebene „Macht der Mitte“ lässt hier die Zeit still stehen und das Bild zum Meditationsobjekt werden. Die Schale, ein Gegenstand von großer elementarer Einfachheit, die eigentlich dem praktischen Leben angehört, wird hier mit einem Solo-Auftritt geehrt und damit zum Objekt der Anschauung, der Kontemplation und des ästhetischen Genusses geadelt. Doch durch das bereits beschriebene Wechselspiel von illusionistischem Gegenstand und materieller Bildfläche, von Durch- und Aufsicht, verlagert sich das meditative Moment zugleich auch wieder auf die Wahrnehmung selbst.

Dr. Stephan Weber, Dresden

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Kategorie: One-Artist-Show

Marion Eichmann

„Ich weiß, dass mir Stillstand nicht liegt“

Zu den Zeichnungen und Papierschnitten von Marion Eichmann

von Birgit Möckel

Mit überbordender Präzision und filigraner Dynamik ziehen sich Linien und Schnitte durch das Papier, führen in die Tiefe, greifen in den Raum, doppeln oder überlagern sich, umreißen Figuren und Gegenstände, Innen- und Außenräume und ordnen leise die Welt. Kaum eingetreten in das Atelier der Künstlerin ist man umgeben vom Spiegel dessen, was sich als graphischer Zugriff und farbige Spur auf den groß- und kleinformatigen Papierbögen abbildet. Nichts anderes als die sichtbare Wirklichkeit ist die Bühne für die graphischen Erkundungsreisen, mit denen Marion Eichmann aus der Überfülle des Gesehenen schöpft, alles detailreich auf ein lineares Gerüst reduziert und in so mitreißenden wie spielerisch heiteren raumgreifenden Tableaus vor unseren Augen ausbreitet.

Mit jedem neuen Thema, sei es die intensive Erkundung einer Metropole, wie Tokyo, New York, Istanbul oder die akribische Aneignung einer Berliner Atelierwohnung, immer wieder sucht die Künstlerin den direkten Dialog mit dem Gegenüber, um es in detailgenauer Reduktion mit Stift und Schere dem Papier einzuverleiben. Alles ist so gesehen, alles entspringt Stück um Stück der Realität und ist dennoch weit mehr als ein Abbild. Ob Zeichnung oder dreidimensionales Objekt: Jedes Ding wird auf seine graphische Struktur untersucht und konsequent mit den Prinzipien des Denkens in der Linie in das Bild überführt. Marion Eichmann ist immer Zeichnerin, zeichnet mit Lust am spielerischen Finden ihr ganzes Leben lang und lotet diese so direkte wie universale Disziplin mit steter Neugier und nicht zuletzt immenser Ausdauer immer neu aus.

Mit scheinbar leichter Hand entstehen neben den auf strengem Lineament aufgebauten Zeichnungen und Papierschnitten aktuell Stillleben und Innenräume, die äußerst sparsam oder mit farbiger Wucht Ausschnitte aus der direkten Umgebung der Künstlerin ins Bild setzen. Ateliersituationen, Bücherregale, Arbeitsutensilien: Beiläufig erzählen die detailreichen Ausschnitte eigene Geschichten und sind als Thema doch so geläufig, dass sie wiederum dem künstlerischen Medium größtmögliche Aufmerksamkeit sichern und ganz subtil den Blick auf einen höchst individuellen, vielschichtigen und zeitintensiven Werkprozess lenken, der die Linie weiter und weiter in den Raum führt, bis auch ein räumliches Objekt ein Eigenleben finden kann. Als Ergebnis mehrerer überlagernder Arbeitsschritte steht am Ende eines jeden Werkprozesses eine Zeichnung, die sich partiell aus der Fläche löst, mit Schnitten, Fundstücken, Überschneidungen, perspektivischen Doppelungen oder gestalteten modellgleichen Objekten in den Raum und in die Wirklichkeit findet oder auch unverhofft in die Abstraktion führen kann.

Was aus der Ferne als bloßer Farbwert erscheint, kann sich in der Nahsicht als reales Fundstück entpuppen – aus dem reichen Arsenal der Künstlerin, das diese seit Jahren auf ihren Wegen durch die Stadt sammelt. Punktuell in die Komposition gesetzt, bilden diese zurückhaltenden Farbwerte ein eigenes Koordinatensystem in der Bildtopographie, das die lineare Struktur verfremdet und mit dem Eigenwert von Farbe und Materialität kontrastiert, um alles zu einem so poetischen wie alltäglichen Kosmos zu verweben. Parallel zu diesen Kompositionen mit zart farbigen Setzungen, entstehen aktuell leuchtend farbige Collagen von Stillleben und Interieurs, in denen die Künstlerin mit intensiven Farbkontrasten und neuen dunklen Flächen ihr „Papier-Kolorit“ erweitert, sich weiter durch die Fläche in den Raum schneidet, um auch hier das Spiel von Linie, Grenze und Grenzüberschreitung, Neben- und Miteinander neu auszutarieren.

„Ich weiß, dass mir Stillstand nicht liegt“: Nicht zufällig zieht es Marion Eichmann immer wieder in die quirligsten Metropolen. Während eines Aufenthaltes in Istanbul entstanden energetisch aufgeladene Straßenszenen, die das Pulsieren der Stadt vergegenwärtigen. In aktuellen Arbeiten werden diese Impulse aufgenommen und die räumliche Dimension der Zeichnung neu befragt. Mit ihren perspektivisch komplexen Überlagerungen linearer Strukturen zeigt sich diese neue Werkserie als vibrierender Spiegel städtischen Lebens und luftiges Echo intensiver Eindrücke.

Rückzugsort ist und bleibt das Atelier. Zeigt sich nicht in jeder Ecke, an jeder Wand, in jedem Regal ein Stück vorgefundene Welt, das ganz unmittelbar in immer neuen Ausschnitten fokussiert und mit Stift und Schere in eine eigene Bildsprache übersetzt werden will? Kein Detail ist zu alltäglich, um nicht täglich neu gesehen zu werden. In den quicklebendigen Arbeiten von Marion Eichmann erwächst aus jedem Ding ganz selbstverständlich ein seismographisches Zeichen für die intensive Wahrnehmung der Welt und lässt sie in feinen Klängen mit lauten und leisen Linien und Farben erleben.

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Kategorie: One-Artist-Show

Gabi Streile

Auch nach 40-jähriger Malpraxis sind ihre Bilder noch energiegeladen und fundamental, jede Landschaft, jedes Stillleben so intensiv wie ein Herzzerspringen.
Als ob sie die Selbstregulierungsmechanismen der Natur restituieren wollte, provoziert Gabi Streile auf ihren Leinwänden Farbausbrüche und ein Ausagieren im pinselwuchtig Unbestimmten abstrakter Sächlichkeit, dass man meint, die eigenen Pupillen würden Feuer fangen. Selten hat man solche in zyklischer Permanenz heizenden Hochöfen im Keilrahmengeviert gesehen. Ihre Landschaften, egal ob „feurig“ oder „sanft“, sind Ausnahmefälle mit Ausrufezeichen, gerade weil junge Maler und Malerinnen ihre Relevanz heutzutage hauptsächlich aus der Vergangenheit ableiten, aus den Zeiten, in denen alles irgendwie ein wenig mystischer, aufregender war, dabei schreibt sich Qualität in der Gegenwart aus der Sprengkraft der Authentizität und des eigenen Erlebens fort.
Weil Gabi Streile die Verbetonierung von Natur und Städten, die Überdüngung der Böden, die sinnlosen Ökosiegwl, die bedrängende Frage nach Sinn und Dauer des Daseins im Auge hat, hält sie am Lob des Sinnlichen fest, in nimmermüder neuromantischer Vermittlung. Für das außergewöhnliche Schauspiel eine "Landschaft mit grüner Wolke" fand sie bezwingenden Ausdruck. Ihre "Großen Tulpen chromoxys" sind von solch methodischer Konsequenz, dass die Form explodieren muss, um zu unterstreichen, dass Farbe das erste Ausdruckmittel der ästhetischen Entscheidung dieser Künstlerin ist. In "Stormy Monday (aurore)" meint man das melancholische Wehen des gleichnamigen T-Bone-Walker-Blues im Gewand der Allman Brothers zu hören - Natur beseelt und von Weltschmerz erfüllt.
Streiles "Melone (destruction - für L.B.)" - ein saftiges Farbgestöber, ist tatsächlich zum Anbeißen schön, gerade auch im Kontrast zur delikaten Beglaubigung eines "Fisches" auf dem Trockenen.
Gabi Streile gehört zur Generation junger Karlsruher Akademiestudenten, die in den siebziger Jahren wieder malte, nachdem Minimalart und Agitprop der Sechziger sich gegenseitig neutralisiert hatten. Ihre Bilder haben bis heute Qualität, weil sie ihr Welterleben nie auserzählt, sondern der Phantasie der Betrachtenden überlässt.

- Christoph Tannert

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Kategorie: Kunst nach 1945

Werner Schmidt

Geboren 1953 in Oppenau/Baden, lebt und arbeitet in Oberkirch/Baden. Atelier in Berlin. Der Art Karlsruhe-Preisträger des Jahres 2015 ist auch im Jahr 2022 wieder mit seinen Arbeiten an unserem Stand vertreten. "Die Helligkeit, der Farbton und die Sättigung spielen eine Rolle wie auch die Kontraste durch Nachbarschaft. All dies loten die fundamental angelegten Arbeiten von Werner Schmidt aus." - Susanne Ramm-Weber.

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Kategorie: Gegenwartskunst

Lars Theuerkauff

Verwischungen, die aufs Ganze gehen
Über die Bilder von Lars Theuerkauff - von Christoph Tannert, August 2017

Es ist erstaunlich und zugleich eine Lust zu sehen, wie weit sich dieser Künstler vorwagt in die Wirklichkeit. Lars Theuerkauff scheut sich nicht, geradewegs in die Verwerfungen der politischen Gegenwart hineinzusteuern. In diesem Abenteuer agiert er hochgradig sensibel auf dem Gebiet der Malerei.

Einerseits fasziniert er sein Publikum mit großer Klarheit und Direktheit in der Wahl der fotografischen Motive, die er als Vorlagen für seine Bilder nutzt, andererseits mit Unschärfen, die den Blick wegführen von der Gegenstandsfixierung, aber im gleichen Atemzug hin in Richtung Materialität der Farbe.
Seine Bilder handeln von den Dingen, die sich ereignen, während alle Welt z.B. im Syrienkrieg inkl. Terrorismus und Flüchtlingsproblematik versucht, sich möglichst nicht zu entscheiden. Wir werden konfrontiert mit dem Tod und mit der Schönheit. Schnörkellos spricht dieser Maler Leiderfahrungen an und probiert im selben Augenblick Möglichkeiten aus, mit Formen des Ornamentalen Unsagbares zu rahmen, zu bekränzen, mit Sentiment zu unterfüttern. Furchtlos schrammt er knapp die Grenze zwischen High und Low. Doch die Ernsthaftigkeit, mit welcher er in seinen Bildserien dem Krieg und den Abgründen menschlichen Handelns entgegentritt, lassen ihn wachsen.

Lars Theuerkauff wäre nicht er selbst, wäre er eindeutig. Derartige Plattheiten erlaubt er sich nicht. So wie er zwischen Konkretion und Abstraktion hin und her wechselt, Mikro- und Makroperspektiven tauscht, Nahsicht und Fernsicht verschwistert, so setzt er auch alle Energie ein, jedes Bild zu einem Ereignisfeld der Farbe werden zu lassen, das auf der Leinwand permanent seine Struktur wechselt. Die Leinwandoberfläche gleicht der schrundigen Haut eines eingesalzenen Tiers. Wenn man ihr ganz nahe kommt löst sie sich auf in einen Schwarm von Farbpunkten und Schlieren, in Verwischungen, die aufs Ganze gehen.

Theuerkauff nähert sich der Realität mit allem, was seine Malerei zu bieten hat. Mit dem Reflektierten und dem Sinnlichen. Mit genauer Kenntnis des Filmischen und Fotografischen, in Auseinandersetzung mit der Rolle der Medien, des Internets und der Werbung unter aufmerksamkeitsökonomischen Aspekten wie auch unter dem bewusstseinsstimulierenden Druck der Amüsiergesellschaft. Lars Theuerkauff hat bei dem durch sein konzeptuelles grenzüberschreitendes Denken bekannt gewordenen Filmemacher und Künstler Heinz Emigholz studiert. Auch ihn interessiert die Frage nach der Art und Funktion der Bildproduktion und den diversen Plattformen der Bildlichkeit heute. Dabei hat sich Theuerkauff für einen analytischen Standpunkt nicht außerhalb, sondern im System der Malerei entschieden, um Bildpolitik vor dem Hintergrund historischer und sozialer Bedingungen mit den traditionellen Mitteln der Malerei zu ergründen und das Wesen und die Sprache von Malerei von heute aus zu bewerten.

Theuerkauff malt, weil er malen muss, weil ihn die Quellen des malerischen Strömens interessieren. Er ist ein Romantiker. Bewusst hat er sich für dieses langsame, aufwendige und subjektabhängige Handwerk entschieden, eben weil durch Fotografie und reproduktive Medien der Stellenwert von Malerei neu justiert wurde.

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Kategorie: Gegenwartskunst

Heike Jeschonnek

Heike Jeschonneks Refugium sind filigrane, poetische Bildgebilde, die zwischen Ferne und Nähe, zwischen Bild und Entzug oszillieren. Die Oberfläche, zwischen Malerei und Zeichnung changierend, wird im fast alchimistischen Arbeitsprozess pastos und brüchig wie auch die Ansichten sich nie zu rigider Lesbarkeit verhärten. Stattdessen wird der Blick mit der Auflösung von Eindeutigkeiten konfrontiert, hineingeführt in die immer ambivalenten Landschafts- und Naturräume, in mysteriöse Instabilitäten. Der Bildraum wird solcherart inkonsistent, fließend zwischen Innen- und Außenschau, zwischen Rätsel und Lösung.

-- Dorothée Bauerle-Willert, Katalog LANDSCHAFT 1, Galerie Tammen, 2021.

Arbeiten von Heike Jeschonnek Unschärfe, Zartheit, verborgene, überdeckte Zeichnungen, die sich dem Betrachter entziehen, ihn anlocken, Bildobjekte aus einem nicht näher definierbaren Umfeld auftauchen lassen. Die Arbeiten der Berliner Künstlerin Heike Jeschonnek sind vielschichtig im wahrsten Sinne des Wortes. Dem Vorgang des Erinnerns gleich, zeichnen die Oberflächen ihrer Arbeiten eine Spurensuche nach. Die Künstlerin schichtet Paraffin auf Papier und kratzt Zeichnungen von Figuren, Architekturen oder Landschaften hinein. Die durch das Ritzen beigebrachte Verletzung der Oberfläche wird durch einen weiteren Paraffinüberzug geheilt, geglättet, aber ähnlich wie bei einer Tätowierung bleiben die zuvor mit Farben gefüllten Furchen als sichtbare Narben zurück, die sich zu einem Bild fügen.

Dabei bleibt die Farbigkeit meist sehr sparsam, die Konzentration liegt auf der Linienführung der Zeichnung, die in einigen Fällen coloriert wird, in anderen Fällen bedient sich die Künstlerin eingefärbtem Wachs. Was zunächst simpel klingt, entwickelt sich mit den einzelnen Schichtungen zu einer filigranen, poetischen, faszinierenden Wirkung. Die Oberfläche der Arbeiten hält den Betrachter auf Distanz, lässt eine Ahnung auf das Motiv zu, welches uns gleichsam wie durch Nebel verschleiert erscheint und dazu aufruft, näher hinzuschauen. Das Material entwickelt hier seine ganz eigene Gesetzmäßigkeit, die die Sehgewohnheiten des Betrachters in Frage stellt und seine Wahrnehmung ständig in der Ambivalenz zwischen Nähe und Distanz, Schärfe und Unschärfe, Fassbarem und nicht zu Greifendem, Dauerhaftem und Vergänglichem schweben lässt. Die Eindeutigkeit des Sehens wird durch Brüche, Überlappungen, Unschärfen und Verschiebungen in Frage gestellt. Jeschonnek thematisiert das Spannungsfeld von Subjekt, Objekt und Umraum, indem sie Räume oder Architekturen aus der Erinnerung visualisiert und mit diesen Bruchstücken neue Bildräume entwirft, in denen sich Subjekte zu behaupten suchen. Instabilität und Ungewissheit durchzieht diese Räume, die Subjekte in ihnen wirken isoliert und verunsichert, ihre Identität wird in Frage gestellt.

Oft sind es beinahe banale Alltagsszenen, die durch die Arbeitsweise der Künstlerin einen gleichsam poetischen Überzug bekommen. Entrücktheit trifft hier auf Bodenständigkeit. Dabei dient die Wachsschicht als ein Mittel der Überdeckung, des Ausblendens der Umgebung, die Künstlerin lässt einzelne Elemente hervortreten. Zum Werkstoff Paraffin kam Jeschonnek durch Experimente, in ihrem Bestreben, der Zeichnung eine neue Dimension zu verleihen. Die Empfindlichkeit der Arbeiten, die durch das in trockenem Zustand brüchige Material Paraffin entsteht, wird zum Sinnbild für die Verletzlichkeit von Subjekt und Objekt, selbst der Umraum bröckelt und bricht. In ihren frühen Arbeiten setzte sich Heike Jeschonnek mit bekannten Berliner Bauwerken, Stadtlandschaften und Innenräumen auseinander. Der Mensch tauchte nur selten und in einer gewissen Isolation auf, kaum in zwischenmenschlicher Kommunikation, meist auf sich allein gestellt in einer sonst menschenfeindlich wirkenden, teils fast bedrohlichen Umgebung einer Stadt.

- DR. MAYARÍ GRANADOS, KUNSTHISTORIKERIN, LANDESVERBAND LIPPE: ZWIELICHT

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Kategorie: Gegenwartskunst

Dietmar Brixy

Essay von Christoph Tannert, Katalog „Dicover Brixy“ 2014, (Edition BRAUS, Hrs. J. Krieger)

(...) Dass Brixy Bildhauerei studiert hat, sieht man sofort. Er verschiebt Volumina über die Leinwand. Sein Malen ist ein Kraftakt. Dieser Leinwandbezwinger arbeitet mit dem Pinsel, mit dem Spachtel, mit der Hand. Er greift die Farbe direkt aus dem Eimer, aus der Tube, mischt sie mit der Hand, wischt und gräbt Linienverläufe, lässt Lava gurgeln und Kühlwasser. Das ist nicht Entertainment, sondern Existentialismus. Brixy rührt und reliefiert und beweist uns, wie sich eine klassische malerische Basis mit traditionellen Elementen in unterschiedlicher Form modernisieren lässt. (...)

Brixy schlemmt heftig Farbe ins Keilrahmengeviert. Er kehrt sein Innerstes nach außen. Wülste und insulare Gebilde lassen den Blick beim Abtasten der Leinwand stolpern. Die Dinge überschlagen sich. Spontan wird Brixy handgreifl ich, er schliert, er umkreist knetend und prüfend das Malstoffspursliche und treibt mit der Malerpranke die Bildwerdung voran. Das Bild kennt dann nur noch ein Ziel: seine materielle Diversität zur Anschauung zu bringen. Umschweifiges Weltanschauen lässt die Farbe strudeln. Die entstehenden bildnerischen Existenzzonen entziehen sich der Konformität. Ob die Farbe Grenzfluss zwischen Faktizitäten oder feuchter illustrativer Nebel ist, wird von unserer Imagination entschieden. (...)

Christoph Tannert, Direktor Künstlerhaus Bethanien (Berlin)

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Kategorie: Gegenwartskunst

Persis Eisenbeis

Wie Traumgesichte. Über die Arbeiten von Persis Eisenbeis

Wie Traumgesichte erscheinen die Bilder von Persis Eisenbeis und tatsächlich hat ihre Malerei viel mit Geschehenlassen, mit der Unwillkürlichkeit von Erinnerung und Traum zu tun. Jeder Traum hat einen Punkt, an dem er unergründlich ist, ist ein Verbindungsglied zum Unbekannten. Der Traum ist der Brennpunkt des subjektiven Universums und doch steht er in engstem Zusammenhang mit der schöpferischen Potenz, die das Unsagbare sagbar macht.

In Persis Eisenbeis werden irrlichternd die Fragen nach Grenzverläufen und Übertritten zwischen Illusion und Realität gestellt, sie sind Bild und Rätsel zugleich. Mit Witz, Phantasie und Weisheit, abgründig und hochfliegend variieren diese Gemälde die Bewegung zwischen den Polen, das Ineinander unterschiedlicher dramatischer Räume, sie eröffnen ein irritierendes Wechselspiel von ferner Nähe, naher Ferne, von Zeiten und Räumen. Harmlos sind diese Bilder nie – sie stellen meist junge Mädchen in das Bildzentrum, Mädchen an der Schwelle zum Erwachsenwerden, in einem Transitorium. Sie können mit seltsamen Objekten hantieren oder in der Gesellschaft, in wundersamer Verwandtschaft mit Tieren kommunizieren. Es ist als ob unzensierte Botschaften aus dem Unterbewusstsein auftauchen, die dann im malerischen Prozess verwandelt Form werden. Wir sind eingeladen in ein freischwebendes von erotischen Energien durchsetztes Feld, wo die Gesetze der Vernunft scheinbar außer Kraft gesetzt sind.

Die merkwürdige Faszination, die verführerische Kraft dieser Bilder parodiert, verrückt den Sinn und lockt uns ins Spiel. In die Schönheit mengt sich Bedrohliches – so wie in jedem Märchen das Grauen und Versöhnung balanciert werden. Wir sind im Schatten junger Mädchenblüte, wie der zweite Band von Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit heißt und oft sind diese jungen Mädchen, fremd und vertraut wie jede Kindheit, tief eingebettet in das Interieur, das zum Futteral der Figuren wird. Es sind oft kostbare Räume und zugleich Orte des Unheimlichen, ausgestattet mit üppigen Polstermöbeln, mit ornamentalen Tapeten, die sich hinter der Szene aufspannen. Der Bildgrund, das Ornament gibt ein sich meist wiederholendes, oft abstraktes oder abstrahiertes Muster, ist gemalte Mathematik, ein Spiel mit Form und Rhythmus, oft symbolisch, doch ohne eindeutige narrativer Funktion.

Wiederholung kennzeichnet auch den Traum und die Erinnerung – etwas wiederholt sich, wird wieder heraufgeholt, hervorgeholt aus den Tiefen des Gedächtnisses, und es ist ja nicht steuerbar, kontrollierbar, was wir träumen, was uns in der Erinnerung zufällt. Es sind verwandelnde Kräfte und Mächte – wie die Imagination, die über das Faktische ausschweift. Genau dies ist auch die Gabe der Kunst, die weit über die Wiedergabe, die Abspiegelung der Welt hinausreicht. Was das Bild zeigt, was diese Bilder hier zeigen, sind Möglichkeitsfelder. Die Kunst öffnet einen Raum, der im Geschehen der Ent- und Verbergung ein anderes Verstehen erst ermöglicht. Diese Auffassung einer ursprünglichen Gabe in der Malerei impliziert bereits, dass das Kunstwerk keine bloße Wiederholung eines Außen ist. Das Außen und das Bild treten in ein komplexes Verhältnis.

Das Ornament, das Persis Eisenbeis als Fond einsetzt, ist zudem der ältesten Kunstformen der Menschheit, Ornamente holen – wie der Traum - die Menschen tief in der Erinnerung ab. Zugleich weist das Ornament auf den Ursprung der Abstraktion, der hier wagemutig gegen den Realismus der Figur gesetzt ist und sich doch eigentümlich selbstverständlich mit ihm verwebt – und es ist als ob das Mostrare/Zeigen, das im Wort Muster steckt, zu einem Sich-Zeigen des Prozesses des Sehens wird.  In letzter Zeit öffnen sich die Interieurs zum Landschaftsraum, in dem sich ebenso geheimnisvolle Szenerien und Begegnungen abspielen. Persis Eisenbeis Verwandlung des Gesehenen, Geträumten, Imaginierten in Malerei macht das Verborgene in einem anderen Sinn ansichtig, weist auf die Geheimnisstruktur aller Dinge. Wir sind wie Alice im Wunderland, konfrontiert mit Paradoxa des Sinns, mit gefährlichen, einsamen Spielen. Diese Bilder dirigieren und transformieren das kollektiv Imaginäre und entziehen/verrücken fortwährend die Grenzen zwischen Realität und Phantasie. Es sind entgrenzende Schilderungen, die die Rätsel nie lösen, ein Verweis auf den Freiraum/Spielraum, der für die Kunst wesentlich ist.

In ihrer Malerei erkundet Persis Eisenbeis ganz frei und neu das uralte, vertrackte Verhältnis zwischen Vorbild und Bild, zwischen Mimesis und Schöpfung.

Dr. Dorothée Bauerle-Willert

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Kategorie: Gegenwartskunst

Matthias Garff

Von fliegenden Hummeln über Darstellungen von Vögeln und überlebensgroßen Primaten bis hin zu einer ausgestorbenen Urform des Menschen, dem Homo erectus, reicht der Figurenkosmos von MATTHIAS GARFF. Sein Interesse an Naturvorgängen und unseren tierischen Nachbarn begann schon in der Kindheit und bestimmt nun sein künstlerisches Werk.

Garff arbeitet an einer Menagerie der besonderen Art und reflektiert dabei das Verhältnis des Menschen zum Tier und zur Natur allgemein. Damit begibt er sich auf tief ausgetretene Pfade, denn das Tier als Motiv der Kunst findet sich seit den frühesten Bildäußerungen, wie den steinzeitlichen Höhlen von Altamira und Lascaux, in allen Epochen. Das Verhältnis des Menschen zum Tier wird von Zuschreibungen und Projektionen bestimmt. Wir schauen Tiere nicht nur wegen ihrer Schönheit, Niedlichkeit oder Hässlichkeit an. Wir beobachten sie ohne sie durchschauen zu können und machen aus ihnen Ebenbilder oder Spiegel unserer Selbst. Diesen Phänomenen geht Matthias Garff nach. Wenn er tierische Verhaltensweisen mit unterschiedlichen Charakteren verbindet und sie in der Materialität und Gestaltung verdeutlicht oder seine Figuren zu Gruppen formiert, die sozialen Gefügen gleichen, erinnern seine Arbeiten an Fabeln. Manche seiner Skulpturen geraten zu Mischwesen zwischen Tier und Mensch, wie der hoch aufragende Schimpanse aus der Serie Altweltaffen, der eher einer Schimpansenhülle gleicht, als der naturgetreuen Nachbildung des Tieres. Überhaupt ist Garff kaum an einer realistische Abbildung interessiert. Grob zusammengeschraubt, geklebt oder genagelt, lässt er seine Geschöpfe aus gefundenem Material entstehen, wobei er diesen Entstehungsprozess selbst nachvollziehbar macht und die jeweiligen Materialästhetik bewusst als Gestaltungsmittel nutzt. Wie unvereinbar die Kunst und die Natur letzlich bleiben, führt er in seinen Videoarbeiten wie dem Argentinischen Garten vor. Hier konfrontiert er die realen Tiere unmittelbar mit seinen Schöpfungen und stößt vor allem auf Ignoranz und Desinteresse der Tiere an ihren künstlichen Ebenbildern. Im Gegensatz zu uns braucht das Tier weder den Menschen noch die Kunst.

- Susanne Greinke

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Kategorie: Gegenwartskunst

Sabine Ostermann

Auszüge aus dem Katalog "NETZWERKE UND SEILSCHAFTEN" mit dem Vorwort von Nina Pirro von der Städtischen Galerie Neunkirchen und Auszüge aus dem Katalogtext von Herbert Schirmer.

Nina Pirro:

"Sabine Ostermann ist eine aufmerksame Beobachterin: Mit nahezu seismografischem Gespür für die Ambivalenz gegenwärtiger Gesellschaftsphänomene wie unserem Konsumverhalten oder zunehmenden digitalen Vernetzung unserer Lebens- und Arbeitswelt, entwirft die Berliner Künstlerin in ihren Linolschnitten vielschichtige Sinnbilder unserer Existenz."

"Vielschichtig sind jedoch nicht nur die Geschichten, die sich vor unseren Augen entfalten. Auch der handwerklich anspruchsvolle Arbeitsprozess ist im wortwörtlichen Sinne vielschichtig. ... Linie um Linie schneidet Sabine Ostermann hierbei die Motive aus dem Linoleum heraus und bearbeitet die verbleibende Oberfläche malerisch. Das Ergebnis sind Linolschnitte, die nicht für den Druck bestimmt sind, sondern als Flachreliefs mit starker plastischer Wirkung für sich selbst stehen."

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Kategorie: Gegenwartskunst

Michael Ramsauer

"Vielseitig und rigoros individualistisch, expressiv  und abstract reduziert, in der Kunstgeschichte verortet und offen für malerische Experimente - die künstlerische Position von Michael Ramsauer lässt sich nicht mit einem kurzen Schlagwort fassen. Seine Bildstrategien führen den Betrachter in immer neuen Sehprozesse."Wenn man einer Figur im Bild lange genug über die Schulter sieht, stellt sich die Illusion ein, dass sich hinter ihr die Unendlichkeit auftut". Das "Wie" steht für ihn im Vordergrund, nicht die inhaltlichen Setzungen: "Das ist wie in der Musik. Wenn du eine Wagner-Oper ansiehst, bist du auch nicht gefesselt von der irren Story und willst wissen, wie es weitergeht. Du hörst doch nicht auf den Inhalt, sondern auf die Musik. In der Malerei ist das für mich nicht anders." Erst über die Kontemplation, das Sichvertiefen in die Malerei sollen sich beim Betrachter Aussagen konkretisieren." (zitiert nach Irmtraud Rippel)

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