Stephan Wurmer
Holzwege, schreibt Martin Heidegger im Vorwort zu seinem gleichnamigen Schriftband, sind „[…] Wege, die meist verwachsen jäh im Unbegangenen aufhören […] Holzmacher und Waldhüter kennen die Wege. Sie wissen, was es heißt, auf dem Holzwege zu sein.“ Zu denjenigen, die wie Holzmacher und Waldhüter um Holzwege wissen, muss auch der Bildhauer Joseph Stephan Wurmer gezählt werden. 1956 in Frauenwahl (Niederbayern) geboren, verfolgt er unbeirrt seinen ganz eigenen „Holzweg“. „Es gibt kein anderes Material, das so viele Eigenschaften wie Holz hat“, sagt er über seinen bildhauerischen Werkstoff, dem er sich – nach Anfängen in Ton, Bronze und Stein – zu Beginn der 1990er-Jahre leidenschaftlich verschrieben hat. Er hat es zu seinem partnerschaftlichen Gegenüber gemacht, hat im Holz die Essenz des Baumes ergründet, hat es intensiv erkundet und vielfältig gestaltet: in seiner Substanz und Struktur, Formbarkeit und Widerständigkeit, Verletzlichkeit und natürlichen Farbe. Unter den zeitgenössischen Bildhauerinnen und Bildhauern, die heute mit dem Material Holz arbeiten, nimmt sein Werk damit einen ganz eigenen, renommierten Platz ein, worauf nicht zuletzt zahlreiche Auszeichnungen verweisen. Seine skulpturalen Arbeiten sind in namhaften privaten und öffentlichen Sammlungen vertreten, darunter die Kunstsammlung Deutscher Bundestag Berlin und die Bayerische Staatsgemäldesammlung München; regelmäßig werden sie in Ausstellungen und auf Messen präsentiert.
Tektonische Strenge und eine respektvolle Annäherung an die Eigenheiten des Holzes prägen das Werk des Bildhauers, das sich in der Nähe konstruktiver Kunst verorten lässt. Wurmer lässt das Holz Holz sein. Er verzichtet auf eine farbige Fassung und andere Bearbeitungsmethoden, etwa durch Feuer. Ausgehend von Constantin Brâncuşi steht er damit in jener Tradition der Holzbildhauerei, die das Holz „ehrlich“ bearbeitet und sich eng an den optischen Strukturen und dem inneren Verhalten des Holzes orientiert. Darüber hinaus arbeitet er analytisch. Das zeigt sich insbesondere auch daran, dass seine Werke über Jahre in Serien entstehen, die er immer wieder aufgreift und modifiziert.
Die Skulpturen von Joseph Stephan Wurmer haben ihren Ursprung im meist frisch gefällten Baumstamm. Und sie sind fast ausschließlich aus einem Stück gearbeitet. Neben diversen aus der Schreinerei vertrauten Werkzeugen ist die Kettensäge sein wichtigstes Arbeitsgerät. Jeder Sägeschnitt und jede Bearbeitung erfolgt im Wissen um die eigengestalterischen Kräfte des Holzes, zu denen vor allem Schwundrisse im Trocknungsprozess gehören. Wie er mit dem Holz arbeitet, arbeitet das Holz mit ihm. Je nach Holzart muss er mehr oder weniger auf das Material reagieren. Dadurch tritt der Austausch und Dialog mit dem Material unverkennbar an die Stelle eines vorgefasten, nur logisch-rationalen Denkens und Tuns, was sich in jeder Arbeit widerspiegelt.
Hölzer wie Pappel, Zeder, Ahorn und Platane sind die bevorzugten Materialien des Bildhauers, denen er abstrakte Formkörper abringt: kompakte Kegel, Kugeln, Quader, Würfel oder Zylinder. Sie werden durch Schnitte geöffnet, in ihrer Substanz teils gänzlich ausgehöhlt, teils in Schichten aufgebrochen. Die Schnitte legen, wenn man so will, gleichsam die „Seele“ des Holzes frei. Die Formen und Linien sind gegen das Naturmaterial gesetzt, gegen die natürlichen Bewegungsrichtungen. Maserungen und Schwundrisse werden in die Gestaltung miteinbezogen. Gelegentlich integriert er natürliche Strukturen des Holzes in ihrer ursprünglichen Form in die Gestaltung, etwa in der Werkreihe „Windholz“, wodurch das streng geometrische Grundprinzip subtil variiert wird. Nichts Dekoratives lenkt ab von der Auseinandersetzung mit dem Holz.
Auf spezifische Art und Weise thematisieren Joseph Stephan Wurmers Werke grundlegende Problemstellungen skulpturalen Arbeitens. Neben dem Wechsel von Positiv- und Negativform, dem Verhältnis vom Innen und Außen, von umfassender Hülle und umfassten Hohlraum, gehört dazu vor allem die wechselseitige Durchdringung von Raum- und Materialkörper. Transparenz und Licht werden zu zentralen Gegenständen der bildhauerischen Auseinandersetzung erhoben. Explizit ablesen lässt sich dies an den Skulpturen der Werkreihe „Lichter Raum“. In unterschiedlichen Formen und großer Bandbreite lotet der Künstler in diesen Skulpturen virtuos das Verhältnis von Leerraum und umfassender Oberfläche aus. Er holt den inneren Raum des Holzes hervor, indem er es durch mehr oder weniger dichte Einschnitte zum Raum hin öffnet. Das Plastizität bildende Licht artikuliert sich als bildhauerischer Leitgedanke. In ihrer Struktur zielen diese Skulpturen auf einen Innenraum, der einen Lichtraum entstehen und die Betrachtenden am Prozess der Raumwerdung, an den „Taten des Lichts“, wie Goethe sagen würde, teilhaben lässt. Ihre Dynamik und Spannung beziehen die Skulpturen Wurmers im Weiteren durch die austarierte Polarität des Organischen und Konstruktiven. Das Organische des Holzes bleibt immer deutlich sichtbar – und riechbar. Dem organischen Material ringt er geometrische Formen ab, wobei diese aus den Vorgaben der Natur gewonnen und an ihr ausgerichtet sind. Er geometrisiert das Lebendige und verlebendigt das Geometrische. Die Natur steht spannungsvoll gegen die Künstlichkeit, das natürlich Gewachsene gegen das gewollt Gemachte, die amorphe Naturform gegen die gestaltete Menschenform. Organisches Wachstum und konstruktiv Gestaltetes, Geschlossenheit und Transparenz, Chaos und Ordnung, Bewegung und Licht fügen sich in den Skulpturen von Joseph Stephan Wurmer zu einem ästhetischen Ganzen, in dem Natur- und Kunstschönheit zusammenfallen.
JOACHIM HALLER, Kettensäge sein wichtigstes Arbeitsgerät. Jeder Sägeschnitt und jede Bearbeitung erfolgt im Wissen um die eigengestalterischen Kräfte des Holzes, zu denen vor allem Schwundrisse im Trocknungsprozess gehören. Wie er mit dem Holz arbeitet, arbeitet das Holz mit ihm. Je nach Holzart muss er mehr oder weniger auf das Material reagieren. Dadurch tritt der Austausch und Dialog mit dem Material unverkennbar an die Stelle eines vorgefasten, nur logisch-rationalen Denkens und Tuns, was sich in jeder Arbeit widerspiegelt.
Hölzer wie Pappel, Zeder, Ahorn und Platane sind die bevorzugten Materialien des Bildhauers, denen er abstrakte Formkörper abringt: kompakte Kegel, Kugeln, Quader, Würfel oder Zylinder. Sie werden durch Schnitte geöffnet, in ihrer Substanz teils gänzlich ausgehöhlt, teils in Schichten aufgebrochen. Die Schnitte legen, wenn man so will, gleichsam die „Seele“ des Holzes frei. Die Formen und Linien sind gegen das Naturmaterial gesetzt, gegen die natürlichen Bewegungsrichtungen. Maserungen und Schwundrisse werden in die Gestaltung miteinbezogen. Gelegentlich integriert er natürliche Strukturen des Holzes in ihrer ursprünglichen Form in die Gestaltung, etwa in der Werkreihe „Windholz“, wodurch das streng geometrische Grundprinzip subtil variiert wird. Nichts Dekoratives lenkt ab von der Auseinandersetzung mit dem Holz.
Auf spezifische Art und Weise thematisieren Joseph Stephan Wurmers Werke grundlegende Problemstellungen skulpturalen Arbeitens. Neben dem Wechsel von Positiv- und Negativform, dem Verhältnis vom Innen und Außen, von umfassender Hülle und umfassten Hohlraum, gehört dazu vor allem die wechselseitige Durchdringung von Raum- und Materialkörper. Transparenz und Licht werden zu zentralen Gegenständen der bildhauerischen Auseinandersetzung erhoben. Explizit ablesen lässt sich dies an den Skulpturen der Werkreihe „Lichter Raum“. In unterschiedlichen Formen und großer Bandbreite lotet der Künstler in diesen Skulpturen virtuos das Verhältnis von Leerraum und umfassender Oberfläche aus. Er holt den inneren Raum des Holzes hervor, indem er es durch mehr oder weniger dichte Einschnitte zum Raum hin öffnet. Das Plastizität bildende Licht artikuliert sich als bildhauerischer Leitgedanke. In ihrer Struktur zielen diese Skulpturen auf einen Innenraum, der einen Lichtraum entstehen und die Betrachtenden am Prozess der Raumwerdung, an den „Taten des Lichts“, wie Goethe sagen würde, teilhaben lässt. Ihre Dynamik und Spannung beziehen die Skulpturen Wurmers im Weiteren durch die austarierte Polarität des Organischen und Konstruktiven. Das Organische des Holzes bleibt immer deutlich sichtbar – und riechbar. Dem organischen Material ringt er geometrische Formen ab, wobei diese aus den Vorgaben der Natur gewonnen und an ihr ausgerichtet sind. Er geometrisiert das Lebendige und verlebendigt das Geometrische. Die Natur steht spannungsvoll gegen die Künstlichkeit, das natürlich Gewachsene gegen das gewollt Gemachte, die amorphe Naturform gegen die gestaltete Menschenform. Organisches Wachstum und konstruktiv Gestaltetes, Geschlossenheit und Transparenz, Chaos und Ordnung, Bewegung und Licht fügen sich in den Skulpturen von Joseph Stephan Wurmer zu einem ästhetischen Ganzen, in dem Natur- und Kunstschönheit zusammenfallen.
JOACHIM HALLER, Museum und Galerie im Prediger Schwäbisch Gmünd
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