Christopher Lehmpfuhl
Die ausschließlich “en plein air”, also unter freiem Himmel entstandenen Bilder Lehmpfuhls öffnen den Raum wie Fenster zur Welt – sie holen das Licht nach drinnen. Die Vielfalt der Lichtstimmungen reicht von gleißendem Mittagslicht bei strahlend blauem Himmel bis zu dramatischen Wolkenstimmungen kurz vor einem Gewitter, sie umfasst das sanfte Abendlicht, das die Welt verzaubert ebenso wie das beinahe greifbare Licht, wenn sich die Sonne am Morgen noch nicht ganz gegen den Dunst der Nacht durchgesetzt hat. Die Impressionisten und ihr Wunsch, ihre subjektive Wahrnehmung in Malerei zu fassen, haben in Lehmpfuhls Werk ebenso Spuren hinterlassen wie Künstler des späten 19. und frühen 20. Jahrhundert.
Zugleich aber ist Lehmpfuhls Malerei ganz in der Gegenwart verankert: Der Gestus – energisch, körperlich, pastos – erinnert an den Abstrakten Expressionismus. Der Malakt wird zum performativen Geschehen, jede farbige Setzung ist das Resultat einer körperlichen Geste. Gleichzeitig schreiben sich Wetter, Stadtraum und Begegnungen mit Passant:innen in die Oberfläche ein. Das Bild ist damit mehr als nur die malerische Darstellung eines gesehenen Objekts: es wird zum Dokument einer konkreten Erfahrung.
Lehmpfuhls Auseinandersetzung mit Tradition beschränkt sich nicht auf die Kunst der Moderne. In einem früheren Zyklus reagierte er mit Aquarellen auf Werke von Rembrandt, Caravaggio und anderen Alten Meistern. In seinen Glasbildern führt er die Frage, wie Licht durch Farbe erfahrbar wird, noch einmal auf eine neue Ebene. Er verwendet dafür die mittelalterliche Technik der Echtantikglas-Malerei, wie sie etwa bei Kirchenfenstern Anwendung fand. Die aufwendig gefertigten Werke entstehen auf der Grundlage eigener Bildvorlagen in einer renommierten Glaswerkstatt. Erst durch den Brennvorgang verbinden sich Farbe und Glas zu einer neuen Einheit, die vom Licht zum Leben erweckt wird. Wie seine Gemälde und Aquarelle eröffnen auch die Glasbilder einen Blick auf eine andere, nämlich gemalte Realität – sie sind aber keine Fenster im klassischen Sinn. Lehmpfuhl wählt vielmehr die zeitgenössische Präsentationsform des Leuchtkastens: Das Werk wird zu einem autonomen Lichtobjekt, das sein volles Potenzial erst dann entfaltet, wenn im Wortsinn das Licht eingeschaltet wird.
Vergangenheit ist für Christopher Lehmpfuhl keine feste Form, sondern ein Angebot zum offenen Gespräch. Tradition ist kein Denkmal, sondern ein beweglicher Grund, der gepflegt, bearbeitet, erneuert werden will. Seine Kunst zeigt, dass Zeitgenossenschaft nicht nur laut, provokant oder theoretisch sein muss. Sie kann auch greifen, hören, schmecken – mit allen Sinnen. Und sie kann das, was war, so ins Heute holen, dass es wieder atmet.
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