Heehyun Jeong
Heehyun Jeong
Statement
Dämmerung: Die Realität eines der letzten lebendigen Höhlenmaler
1.
Ich bin Mitte der 80er-Jahre in Seongnam geboren (damals eine relativ neue Vorstadt von Seoul), als Einzelkind junger Eltern, die für ihr Kind möglichst alles bereitstellen wollten. Ich war empfindlich in meiner Wahrnehmung und hatte ein gutes Gedächtnis, vor allem für visuelle Informationen. Diese Tendenz wurde später durch meine Umgebung weitergefördert, aber das allein hatte damals noch nicht viel Bedeutung – bis ich anfing zu malen und zu zeichnen.
2.
Ich male und zeichne, seit ich drei bin. Am Anfang war die Farbe, dann die Linie und die Form, Material und Bewegung; Bewegung verbunden mit Vorstellung, Haptik, Dichte, Temperatur, Luft ... Magie. Dann ein Bild und das nächste Bild. Meine Bilder waren mir
Begeisterung, Spielfreunde, Mittel zur Anerkennung, ein Ort zur Flucht, Hüter meiner Existenz, emotionale Mülleimer, Lehrer, ein brutaler Spiegel, der Zugang zur Welt, ein Produkt für meine Selbstständigkeit, ein schweigender Psychotherapeut ... Das alles waren und sind sie für mich. Ein Maler malt, das fand ich gut.
3.
Nach zehn Jahren Berufserfahrung als Kunstmaler/Selbstständiger: Die Welt nervte mich mit Bürokratie, ständigen Reisen, vielen Menschen, einer sich ständig ändernder Meinungen, unterschiedlichem Klima, Erwartungen, Geschwindigkeit, zu viel Information, zu vielen Bildern, zu viel Gerede, zu vielen Fragen ohne Antworten. Und das alles führte mich zu Machtlosigkeit, Hass und Zweifeln (ein übersensibilisiertes, verwöhntes Einzelkind, das zudem schnell überfordert ist.). Trotzdem habe ich mich weitergetrieben, machtlos, bis mein Kopf irgendwann aufgegeben hat, meine Haare festzuhalten (eine selbstverständliche Schlussfolgerung für ein Leistungstier). Ich dachte mir: Es reicht.
4.
Als ich mich von den Reisen mit meiner vielfältigen Selbstständigkeit weinend ins Atelier zurückgezogen hatte, standen dort Leinwände – teils aus lagertechnischen Gründen unterbrochene Arbeiten, teils Versuche. Es waren Bruchstücke aus verschiedenen Zeiten. Ich war wackelig, so wie die Bilder wackelten. Nach ein paar Wochen blanker Zeit habe ich wieder angefangen zu malen.
5.
Ich wollte eine Dämmerungslandschaft sehen. Eine Dämmerung, die vielleicht der erste Höhlenmaler aus seiner Höhle gesehen hatte; die
vielleicht ein sibirischer Schamane bei der Sternenschau gesehen hatte; die vielleicht ein Bauer auf dem Arbeitsweg gesehen hatte; die vielleicht der gute Caspar und Claude aus ihrer Werkstatt gesehen hatten; die vielleicht ein Kind irgendwann mit seinem Vater gesehen hatte – und die vielleicht dieses Kind in dem Moment gesehen hatte, als es die warme Asche des väterlichen Leibes unter einem Baum verstreute – und die vielleicht eine koreanische Malerin, die gerade älter als ihr Vater geworden ist, in der Feierabend-S-Bahn in Berlin gesehen hatte.
6.
„Dämmerung ist ein lustiges deutsches Wort, dessen Bedeutung ich eher auf Deutsch als in meiner Muttersprache kennengelernt habe. Es beschreibt für mich einen Moment des Wechsels: den Übergang vom Licht zur Dunkelheit oder andersherum. In welche Richtung
es geht, lässt das Wort offen (das ist ein bisschen gemein, das gefällt dir).
7.
Ich habe getan, was ein Maler tut: (Du trägst Farbe auf eine Oberfläche auf. Du beobachtest deine Handlung und deren Ergebnis. Halte Abstand, triff die Entscheidung für die nächste Handlung. Das wiederholst du, bis du das Bild freilassen kannst. Wenn du genug Gutes für das Bild tust, wird das Bild allein stehen und dir zeigen, was Sache ist. Und das ist etwas, woran du glauben kannst. Du kannst eigentlich nicht vom Hass leben, sondern nur von der Liebe, da dieses Handwerk, das du gerne tust, nur aus Liebe möglich ist. Ein komisches Handwerk, das Magie schafft, viele sinnliche Assoziationen hervorruft – mit deiner trainierten Pinselführung, dem Verständnis und Vertrauen in das Material und deine Handlung. Du findest Lösungen für deine vergänglichen Taten. Wenn du jedes Mal etwas Gutes tust – mit dem guten Druck, der guten Farbmenge, der guten Geschwindigkeit, dem guten Ton und der guten Dichte, das alles in einer guten Bewegung am guten Ort auf der Leinwand – wenn du das alles tust, wird ein gutes Bild gemalt.)
8.
Ich habe einen Drang nach Harmonie. Ich muss eine Harmonie zwischen den vielen Bruchstücken finden, die bei mir ankommen. In letzter Zeit habe ich hauptsächlich dafür gemalt. Ich habe mir eine Malweise gewünscht, bei der jede einzelne Handlung dem gesamten Bild guttut, obwohl sie alle eigen und einmalig sind. Ich wollte weich und langsam sein, als Reaktion auf meine aktuelle Realität. Ich wollte nicht gegen die Bruchstücke kämpfen, nicht gegen meine Vergangenheit und den Kontext. Ich wollte sie verstehen und ihnen die passende Handlung geben, damit die Bruchstücke sich im Ganzen selbstverständlich positionieren können. Ich habe versucht, eine Harmonie zu finden. Maler malen. Das gefällt mir.
- Januar 2026
Heehyun Jeong
Vita
*1984 in Seongnam, Südkorea
Ausbildung
2003-2007 Studium der Freien Kunst, Bachelor of Fine Arts in Painting, Seoul National University, Seoul(KOR)
2010-2013 Studium der Freien Kunst bei Olav Christopher Jenssen, Diplom für Freie Kunst HBK Braunschweig, Braunschweig
2013-2015 Meisterschülerin bei Olav Christopher Jenssen, HBK Braunschweig, Braunschweig
Gruppenausstellung
2011: 8. Niedersächsischen Grafiktriennale, Schloss Bevern, Holzminden; 2. Internationales Künstler-Symposium, Stadtmuseum Villa Böhm, Neustadt an der Weinstraße; Zucker Hoch Zwei, Galerie Herzblut, Braunschweig
2012: Tombolo, Palais für aktuelle Kunst, Glückstadt; Präsentation der Jahresgaben 2012, Verein für Original-Radierung, München; The Mystery Of Intersecting Paths, Galería de la ENPEG La Esmeralda, Mexiko-City(MEX)
2013: Re-Produktion, Herzog Anton Urlich-Museum, Braunschweig
2014: Zeichnen mit Papier, Kunstverein Villa Wessel, Iserlohn; If you believe that print is dead you are dead, Verein für Original- Radierung, München; Meisterschüler 2014, Hannover Rück SE, Hannover
2015: Bricologie, Villa Arson, Nizza(FR); Weiterreichung, Kunstverein Neukölln, Berlin
2016: Thema und Variationen, Verein für Original-Radierung, München; Nominierte Ausstellung für Märkisches Stipendium, Städtische Galerie Iserlohn, Iserlohn
2017: Aleph, Kunstverein Neukölln, Berlin; Revisited, Hallenbad - Kultur am Schachtweg, Wolfsburg; Krake, Künstlerhaus Dortmund, Dortmund
2018: Migrating Birds, Kintai Arts, Kintai(LTU); Ombré, Antje & Alex, Berlin; Trogloxen, Luisa Catucci Gallery, Berlin
2019: Weitere Weiterreichung, Kunstquartier Bethanien, Berlin
2020: It can be difficult to thread cotton through a needle, Künstlerhaus Bielefeld, Bielefeld
2021: Kreisläufe, Verein Berliner Künstler, Berlin; Einen Samstag mit dem Blumen Hans, Studio Visit Tour, Hannover und Berlin; Druckfrisch, Verein für Original-Radierung, München
2022; Druckkunst im Dialog, Verein Berliner Künstler, Berlin.; 12 Monate 12 Originale, artroom christoph damm, Berlin; Blind Vision, Treptower Ateliers e.V, Berlin.
2023: ARTICA IN RESIDENCE AT QSPA, QSPA Bispevika, Oslo(NOR); Das Unikat im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit,
Kunstverein Neukölln, Berlin; ReVisited 2023, Hannover Rück, Stockholm(SE); Pflanzenblindheit, Stockwerk, Weimar; 12 Monate - 12 Originale, Kunstquartier Bethanien, Berlin.; jung&divers, Verein für Original-Radierung, München.
2024: geMALT!, Galleri Susanne Ottesen, Kopenhagen(DNK); Zirkular, Kulturmühle Perwenitz e.V., Schönwalde-Glien.
Einzelausstellung
2013: ESPE, Hallenbad - Kultur am Schachtweg, Wolfsburg
2017: Hedone, Kunstverein Villa Wessel, Iserlohn; Ganesha, Städtische Galerie, Lüdenscheid
2021: Bulletin, Galerie Bengelsträter, Düsseldorf
2023: Phoibe, Galerie Bengelsträter, Düsseldorf
Auszeichnung
2013: DAAD-Preis für hervorragende Leistungen ausländischer Studierender, Deutscher Akademischer Austauschdienst
2014: Katalogstipendium, Hannover Rück SE
2017: Märkisches Stipendium für bildende Kunst, Märkische Kulturkonferenz e. V.
2018
Künstlerresidenz, Kintai Arts(LTU)
2022
Künstlerresidenz, Artica Svalbard(NOR)
Vertreten in öffentlichen Sammlung
Herzog Anton Ulrich-Museum, Braunschweig
Hannover Rück Stiftung, Hannover
Artica Svalbard Collection(in Kooperation mit der
Queen Sonja Art Foundation), Longyearbyen(NOR)
Kunstsammlung NRW, Düsseldorf
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